erzähl mir eine Geschichte — Teil 1

Das Thema des Foto-Events stand unter dem Motto „erzähl mir eine Geschichte“

hinter jedem Bild steckt auch eine Geschichte

Wir lassen gerne unsere Bilder für sich sprechen und hoffen insgeheim, dass der Betrachter die Message erkennt und versteht. Wenn wir unser Bild von Anfang an kommentieren können dann leiten wir somit auch unseren Betrachter im Bild entsprechend an und vermitteln unsere Botschaft. In den meisten Fällen wird er mich als Fotograf nun verstehen.

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Nach dem Geschichten-Event war eines für die Teilnehmer klar. Es war eine hervorragende Herausforderung die viel abverlangt hat. Entweder man hat eine Geschichte im Kopf und kann sich dazu nun über Tage, Wochen, Monate die entsprechenden Bilder suchen und anfertigen oder man hat die Bilder und denkt sich dazu nun die Geschichte aus. Was aber wenn man den Anfang einer Geschichte bekommt und nun ein paar Stunden Zeit hat dazu Bilder zur Untermalung zu liefern ? Es ist eine tolle Schulung für das Auge — man sucht, man findet, man verwirft, man ändert…

Es war keine einfache Sache, aber es hat allen viel Spass gemacht und alle Teilnehmer waren froh sich dieser Challenge gestellt zu haben. Die Geschichten die wir hören durften, haben bewegt, zum Nachdenken angeregt, berührt… Die Ergebnisse waren sensationell — Danke.


Edith

In jenem Jahr brachen zur Weihnachtszeit alle Tage bleiern und raureifgetüncht an. Bläuliches Halbdunkel tönte die Stadt, und die bis zu den Ohren eingemummten Menschen zeichneten mit ihrem Atem Dampfspuren in die Kälte. In diesen Tagen blieben nur wenige vor dem Schaufenster des Buchhändlers stehen, um sich in seinen Auslagen zu vertiefen, und noch weniger rafften sich dazu auf, einzutreten und nach dem verlorenen Buch zu fragen, das ein Leben lang auf sie gewartet hatte…


Jürg

Meine Cousine Catherine hatte einen Kater, als Haustier, nicht als Befindlichkeit! Maunzi war sein Name. Und Oliven sein Tick. Wann immer er eine bekam, drehte er total am Rad, flippte fast aus…

 

Diese grosse Leidenschaft führte dazu, dass Maunzi überall in seiner Umgebung Oliven entdeckte, wo es normalerweise gar nie Oliven gab. Mitten im Dorfbrunnen sah er von weitem eine überaus dicke, fette Olive, die sich im Wasser reflektierte. Mit einem grossen Satz in den Brunnen konnte er sich der Olive bemächtigen.

Im Rausch dieses Erfolges näherte sich Maunzi zwei jungen Tauben. Diese merkten schnell, dass es der Kater nicht auf sie abgesehen hat. Die besondere Ausstrahlung des Katers brachte die Tauben dazu, ebenfalls in eine Art Trance zu fallen und übernatürliche Kräfte zu entwickeln. Die sonst trägen Tauben konnten aus dem Stand heraus einen Salto vollführen und ihren Flug mit akrobatischen Einlagen fortführen.

Das Geschehene blieb nicht unbemerkt. Die örtlichen Katzenfreunde organisierten sofort eine Katzenausstellung mit Maunzi als Werbeträger. So kam der Kater zu internationalem Ruhm.

Im Ruhmestaumel gab sich Maunzi nicht mehr mit seinesgleichen ab. Er interessierte sich nunmehr für artfremde Genossen, die ihrerseits eine attraktive Erscheinung darstellten und auch eine Vorliebe für Oliven entwickelt hatten.

So kam es, dass Maunzi auch zum König der Tiere eine besondere Beziehung entwickelte. Der Löwe war zwar sehr viel grösser und stärker, aber schlussendlich war es ja auch nur ein Kater.

Man würde diese Geschichte nicht für wahr halten, wären da nicht Augenzeugen, die im Gefolge des Katers mitten im Winter nachweislich schwarze Oliven im Schnee entdeckt und fotografiert hatten. Gierig verschlang Maunzi die schwarzen Oliven zusammen mit einem Stück gelber Peperoni.

Die Wirkung dieser Mahlzeit liess nicht lange auf sich warten. Im Rausch sah Maunzi gebratene Tauben am Himmel vorbei fliegen. Aber das war noch nicht alles, dieses paradiesische Bild war erst der Anfang eines verrückten Flashs.

Auf seinem Space-Trip erschienen ihm im winterlich verschneiten Ort zwei velofahrende Froschschenkel…… und ein Huhn, dem der Hals umgedreht worden war.

Auf einem Olivenbaum fand Maunzi eine weitere fette Olive. Aber der morbide Olivenbaum liess nichts Gutes erahnen.

Eine schöne Maus als leckere Mahlzeit interessierte Maunzi nicht mehr. Auf der Suche nach der nächsten Olive zog der Kater weiter.

Die vielen Oliven hatten bei Maunzi enorme Hirnströme erzeugt. Er lief gedankenverloren über den zugefrorenen Weiher. Aus dem eiskalten Wasser konnte er sich nicht mehr befreien. Zurück blieb ein leichtes Kräuseln auf der Oberfläche.


Herbie

Eveline…

Meine Geschichte beginnt vor einem Cafe im Winter. Die Stühle und Tische sind weggeräumt und nur wenige Leute halten sich noch auf dem Platz auf.
01_20150214-DSC_0024-BearbeitetIch suche nach Ideen wie ich die Geschichte weiterspinnen soll, als mich plötzlich das Gefühl überkommt, die alte Linde spreche zu mir. Nun, nicht wriklich „sprechen“, jedoch setzt sich eine Vorstellung in meinem Kopf fest, welche ganz klar von der Linde kommt.

Schon weit über 100 Jahre steht die Linde auf diesem Platz und sie hat wahrlich schon viel gesehen. Sie vermittelt mir eine verschwommene Vorstellung von einer jungen Frau. Mir ist nicht klar was das zu bedeuten hat, aber plötzlich erinnere mich an eine Geschichte aus den alten Chroniken von Zofingen. 

Vor vielen Jahren ist eine junge Frau unter ungeklärten Umständen umgekommen und ist seither vielen immer wieder als Geist erschienen. Es war Eveline von Zofingen. Ich glaube mich zu erinnern, dass sie als sehr schöne, blonde Frau beschrieben wurde.

Ich lasse mich wegtreiben, mit dem Gedanken Eveline zu finden.

Es ist mir klar, dass es nicht einfach ist, einen Geist einfach so zu finden. Ich weiss aber, dass es überall Hinweise auf Geister gibt; man muss sie nur sehen können.

Vögel haben ein Gespür für feinstoffliche Erscheinungen. Die Begegnung mit der altbekannten Stadttaube hilft mir aber auch nicht weiter. Zu stark ist die Ablenkung durch die grellen Farben und Hektik unseres Konsums.

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Auch andere Vögel können mir in diesem Moment nicht weiterhelfen. Sie sind konzentriert auf ganz andere Dinge.

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Ich gehe weiter, lasse mich treiben, geleitet durch die unbewusste Wahrnehmung von Hinweisen, welche für andere Leute völlig belanglos sind.

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Wollte ich es rational erklären, so müsste ich links abbiegen um zum Lädeli „Wolke 7“ zu gelangen. Ich beginne jedoch die rartionalen Gedanken beiseite zu schieben. Es ist das Augenzwinkern und das Lächeln des weissen Wesens, das mich in die Gasse einbiegen lässt.

Ich stosse auf dick eingekleidete Gestalten. Auch das weisse Wesen von vorhin ist wieder da. Ist es mir vorausgeeilt? Ich spüre, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

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Wie ich durch eine schmale Gasse komme, stehe ich unvermittelt vor einer Statue. Es ist nicht, dass ich erwarten würde eine Statue spräche zu mir. Jedoch geht von dieser Status gar nichts aus. Ein Gefühl von Leere überkommt mich; Teilnahmslosigkeit.

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Dann wird es mir klar. Es ist die Gerechtigkeit, welche wegschaut. Eveline muss etwas Schlimmes widerfahren sein. Und es wurde ihr keine Gerechtigkeit zuteil.

Ich drehe mich um und sehe ganz klar einen Weg, welcher von der Treppe weg zur hinteren Wand und dann nach rechts führt.

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Schnell folge ich diesem Weg.

Wie ich um die Ecke biege, sehe ich tatsächlich Eveline vor mir. Jung, schön und blond.

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Welcher Irrtum! Zu real erscheint die Frau; mit einer Plastiktasche in der Hand. Das kann unmöglich ein Geist sein. Bei anderer Gelegenheit wäre ich froh darum, aber ich will nun unbedingt die Erscheinung Eveline aufspüren.

Einen Moment lang weiss ich nicht weiter. Plötzlich ein Knarren zu meiner Linken. Nur kurz sehe ich eine Hand, welche mit einem leuchtenden Stab in eine ganz bestimmte Richtung zeigt.

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Nicht weit und ich stosse auf ein altes Gemäuer. Schlagartig wird mir klar, hier erscheinen Geister. Aber wohl kaum solche wie Eveline. Ich spüre, dass dies kein Ort ist, wo man verweilen sollte.

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Ich drehe mich um und sehe direkt in zwei glühende Augen, welche mich durch das Erkerfenster anstarren.

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Fast schon in Panik renne ich von diesem verwunschenen Ort weg. Ich komme erst wieder zu Atem, wie ich bei einem plätschernden Brunnen ankomme.

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Sofort spüre ich die Anwesenheit von etwas Friedlichem, Besinnlichem. Der Ort strahlt eine Ruhe aus. Dies muss der Platz sein, wo Eveline früher Erholung suchte und fand. Sie muss hier sein, ich kann sie beinahe fühlen, ja sogar sehen. Ich nehme die wirkliche Umgebung gar nicht mehr richtig wahr.

Ein leichter Windstoss lässt mich aufschauen. Weisser, feiner Rauch steigt auf. Für viele halt einfach Rauch. Aber ich bin mir sicher, dass dies die Manifestation eines Geistes sein muss.

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Ich folge dem Rauch und stehe unvermittelt im Durchgang der Rabengasse. Nur noch unklar kann ich Einzelheiten erkennen.

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Ganz deutlich spüre ich nun aber, dass der Geist von Eveline sehr nahe ist. Meine Wahrnehmung verändert sich, die Umgebung verschwimmt.

Erst nur undeutlich; ein leichter Lichtschimmer; es erscheint eine Gestalt. Sie geht auf den Brunnen zu, eine Giesskanne in der Hand.

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Das ist Eveline! Tag für Tag geht sie zum Brunnen um die Giesskanne zu füllen. Nur wer den schwachen Stimmen in unserer Umgebung zuhören kann, und nur wer die vielen versteckten Hinweise spüren kann; ja nur wer das kann, dem erscheint der Geist Eveline. Ich bin glücklich, Eveline gefunden zu haben. Nur kurz kann ich sie sehen, dann ist sie wieder verschwunden.

Auf welche tragische Weise Eveline umgekommen ist und warum sie als Geist erscheint und warum sie die Giesskanne füllen muss; ja das sind viele andere Geschichten.


Agnes

…von Müll, Kunstwerken und heissen Marroni


mehr gibt es im 2. Teil der in Kürze erscheinen wird 🙂

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